| Unendlich
oft ist die Szene dargestellt worden: Jesu Gebetskampf im Garten Gethsemane
in der Nacht vor seiner Verhaftung, Folterung und Hinrichtung am Kreuz.
Auch unser Altarbild widmet sich diesem Thema. Es stammt von dem Münchner
Maler Karl Koller und kam bei der Innenrenovierung 1886 in die Lukaskirche.
Die Evangelien des Matthäus, Markus und Lukas berichten davon, was
sich in Gethsemane abgespielt hat. Das vierte Evangelium verschweigt die
Geschichte, vielleicht weil sie dem Evangelisten Johannes zu menschlich
erscheint: ein angefochtener Jesus, der vor dem Weg ins Leiden zurückschreckt
- das passt nicht zum Christusbild seines Evangeliums, in dem der Weg Jesu
ans Kreuz als Erhöhung und Sieg des Gottessohnes verstanden wird.
Lukas schildert Gethsemane ein wenig anders als Matthäus und Markus.
Seine Darstellung liegt unserem Altarbild zugrunde: Jesus bleibt in seinen Ängsten
und Zweifeln nicht allein. Als er niederfällt und betet: „Vater,
willst du, so nimm diesen Kelch von mir; doch nicht mein, sondern dein
Wille geschehe!“ da „erschien ihm ein Engel vom Himmel und
stärkte ihn“ (Luk. 22,42-43). Auf unserem Bild hält der
Engel mit der rechten Hand Jesus den Kelch vor Augen, Symbol des Leidens,
das er auf sich nehmen soll; auf der linken Schulter trägt er das
Kreuz, Hinweis auf den Tod, den der Heiland erleiden wird. Jesus kniet
vor dem Engel und blickt ihn unverwandt an. Seine gefalteten und nach oben
gereckten Hände zeigen, wie er um die rechte Entscheidung ringt. Beherrschend
ist auf unserem Bild die rote Farbe seines Überwurfs: Rot, die Farbe
des Blutes, aber auch der Liebe. Steinig ist der Boden, auf dem Jesus kniet.
Verlassen ist er von allen Menschen, auch seinen drei treuesten Jüngern,
die der Schlaf übermannt hat. Sie kauern etwas von Jesus entfernt
und nehmen nichts von dem Geschehen wahr.
Eine bewegende Szene zeigt unser Altarbild. Sonntag für Sonntag predigt
es der Gemeinde, die sich vor ihm versammelt, dass Jesus wahrer Mensch
gewesen ist, der die Hölle von Angst und Schmerzen durchlitten, seinen
Weg aber freiwillig für uns auf sich genommen hat.
Dietrich Bonhoeffer, der Glaubenszeuge Jesu Christi, der vor 60 Jahren
von den Nazis im KZ Flossenbürg ermordet wurde, schrieb wenige Monate
vor seinem Tod in dem berühmten Gedicht „Von guten Mächten“ die
Verse:
“Und
reichst du uns den schweren Kelch, den bittern /
des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand, /
so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern /
aus deiner guten und geliebten Hand.“ (EG 637,3)
Kaum jemand
wird diese Sätze bedenkenlos nachsprechen können.
Und doch: Wenn ich unser Altarbild betrachte und auf den blicke, der
hier kniet und betet, mit Gott ringt und am Ende dieses Ringens den Weg
ins Leiden annimmt, dann werde ich daran erinnert: Jesus ist in das tiefste
Leid und die Schrecken des Todes geführt worden. Er hat selbst gekämpft
und gelitten. Er weiß, wie schwer es ist, die dunklen Wegstrecken,
die Menschen manchmal gehen müssen, durchzustehen. Er wird mich
in solchen Stunden nicht allein lassen.
Dr.
Walter Zwanzger |